Guy Lachapelle
Präsident des Verwaltungsrats, Raiffeisen Schweiz
Guy Lachappelle
Präsident des Verwaltungsrats, Raiffeisen Schweiz
Heinz Huber
Vorsitzender der Geschäftsleitung, Raiffeisen Schweiz
Im Gespräch

«Wir sind als Gruppe zusammengewachsen»

Guy Lachappelle, Präsident des Verwaltungsrats, Raiffeisen Schweiz, und Heinz Huber, Vorsitzender der Geschäftsleitung, Raiffeisen Schweiz, blicken gemeinsam auf das vergangene Jahr zurück und in die Zukunft.
Heinz Huber, 2020 war ein aussergewöhnliches Jahr. Was war Ihr persönliches Highlight?
Heinz Huber: 2020 war für Raiffeisen ein ereignisreiches Jahr. Persönlich habe ich zwei Highlights, die ich herausstreichen möchte. Zum ­Ersten, wie wir dieses Jahr angesichts der ­Corona-Pandemie gemeinsam erfolgreich gemeistert haben. Zum Zweiten haben wir im Juni als Gruppe ein richtungsweisendes neues Kapitel geschrieben: Der Verwaltungsrat von ­Raiffeisen Schweiz hat die neue Gruppenstrategie ­«Raiffeisen 2025» für die Jahre 2021 bis 2025 ver­abschiedet. Sehr gefreut hat mich die hohe Zustimmung der Raiffeisenbanken. Es war eine eindrückliche Aufbruchsstimmung in der ganzen Gruppe zu spüren. Daran erinnere ich mich noch sehr gut und mit Freude. Das war wohl einer meiner persönlichen Raiffeisen-Momente 2020.

Das Banking wandelt sich in ein branchen­über­greifendes Geschäfts­modell.

Guy Lachappelle
Präsident des Verwaltungsrats, Raiffeisen Schweiz
Und worauf hätten Sie gerne verzichtet?
Heinz Huber: Es war ein intensives Jahr – für viele Menschen bedeutet das Coronavirus nicht nur eine gesundheitliche Bedrohung, sondern auch eine finanzielle Herausforderung. Uns war es an dieser Stelle wichtig, unsere Kundinnen und Kunden bestmöglich zu unterstützen. Beim Kreditprogramm des Bundes waren wir massgeblich an der Ausarbeitung beteiligt. Für uns war es zentral, volkswirtschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, für unsere Kundinnen und Kunden in dieser speziellen Zeit da zu sein und als Gruppe unseren Beitrag zu leisten.
Guy Lachappelle, wie nehmen Sie diese Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe wahr?
Guy Lachappelle: Es ist uns als Gruppe im ­Laufe der vergangenen Monate gelungen, weiter zusammenzuwachsen. Heinz Huber hat die neue Gruppenstrategie erwähnt. Im Dialog mit den Banken, als Gemeinschaftswerk, entstanden, ist sie ein gutes Beispiel für gelungene Partizipation: Die neue Strategie dient uns für die kommenden fünf Jahre als Kompass auf dem gemeinsamen Weg, den wir als Gruppe eingeschlagen haben.

Die Chancen der Digitalisierung werden wir nutzen.

Heinz Huber
Vorsitzender der Geschäftsleitung, Raiffeisen Schweiz
Warum braucht Raiffeisen eine neue Strategie?
Guy Lachappelle: Das Banking wandelt sich in ein branchenübergreifendes Geschäftsmodell. Um in Zukunft investieren zu können, muss ­Raiffeisen im Kerngeschäft stark bleiben. Das Genossenschaftsmodell und dessen Werte bleiben ein wesentliches Differenzierungsmerkmal und bieten Chancen. Wir wollen die Kundenschnittstelle besetzen, um die persönliche Beziehung aufrechtzuerhalten und den Kundinnen und Kunden Mehrwert zu bieten.
Mit der Mobiliar wird Raiffeisen auch «Nicht-Bank-Dienstleistungen» anbieten und Sie planen, darüber hinaus weitere Ökosysteme aufzubauen. Ist Raiffeisen zukünftig noch eine Bank?
Heinz Huber: Das Bankgeschäft ist und bleibt das Herz von Raiffeisen. Ihm haben wir uns mit Leib und Seele verschrieben, daran halten wir fest. Wir möchten unseren Kundinnen und Kunden aber mehr bieten als nur klassische Bankdienstleistungen: ganzheitliche Lösungen statt einzelne Produkte. Dafür gehen wir Kooperationen mit Partnern ein, die unser Angebot optimal ergänzen. Wir verbinden, was gemeinsam Mehrwert stiftet.
Sie sprechen die Vision «Raiffeisen verbindet Menschen» an. Sehen Sie darin die Hauptaufgabe einer Bank, Guy Lachappelle?
Guy Lachappelle: Raiffeisen ist seit jeher mehr als «nur» eine Bank. Der Grundgedanke des Genossenschaftsmodells – Hilfe zur Selbsthilfe – ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein nachhaltiges Erfolgsrezept. Unser Ziel war es schon immer, etwas zu bewegen, Zugänge zu schaffen, zu verbinden und damit Mehrwert zu erzeugen. Wir sind die kundennächste Bank der Schweiz. Diese Nähe zu unseren Kundinnen und Kunden sowie die traditionell enge Verbindung zu unseren Genossenschafterinnen und Genossenschaftern wollen wir künftig weiter ausbauen. So sollen beispielsweise der Austausch mit den Mitgliedern und ihre Mitsprache über die digitalen Kanäle neu organisiert und intensiviert werden.
Hand aufs Herz: genossenschaftlich und innovativ – passt das wirklich zusammen?
Guy Lachappelle: Unbedingt. Unsere über 120-jährige Geschichte belegt die Nachhaltigkeit unseres Genossenschaftsmodells. Unsere genossenschaftlichen Werte sind heute so aktuell wie damals. Wir sind überzeugt, dass man Ziele gemeinsam besser erreicht als im Alleingang. Das ist der Grundgedanke jeder Genossenschaft. Das ist unsere DNA. Aus unterschiedlichen Perspektiven, Ideen, Erfahrungen und Kompetenzen kann Grosses entstehen.
Die Digitalisierung ist ein wichtiger Pfeiler Ihrer neuen Strategie. Welche Rolle wird bei Raiffeisen zukünftig die Technik spielen, Heinz Huber?
Heinz Huber: Die Chancen der Digitalisierung werden wir nutzen und uns als Smart Follower positionieren. Wir möchten für unsere Kundinnen und Kunden noch besser digital erreichbar sein. Sie sollen wählen können, wie sie mit uns in Kontakt treten möchten: über die Raiffeisenbank vor Ort, telefonisch oder online. Das Kundenerlebnis möchten wir zudem deutlich verbessern. Dafür entwickeln wir beispielsweise ein Kundenportal sowie übersichtliche Online-Dienstleistungen. Kundennähe wird dabei weiterhin grossgeschrieben: im persönlichen Kontakt wie auch digital. Selbstverständlich werden wir aber auch Prozesse und Arbeitsschritte digitalisieren, um effizienter zu sein. Das mag wenig überraschen und ist wohl das Ziel jedes Unternehmens. Die daraus gewonnene Zeit möchten wir aber nicht einsparen, sondern nutzen. Zum Beispiel für die Pflege persönlicher Beziehungen zu den Kundinnen und Kunden, für Austausch und Beratung, für Innovation, Kreativität und für die Weiterentwicklung der Gruppe.
Wie sieht Raiffeisen im Jahr 2025 aus?
Guy Lachappelle: Im Jahr 2025 werden wir eine moderne Genossenschaftsbank sein. Es ist nicht unsere Ambition, Raiffeisen neu zu erfinden. Wir bauen auf ein stabiles Fundament. Bewährtes und Erfolgsrezepte werden wir in die neue Welt übersetzen. Dabei ist es zentral, unsere ungeschlagene Kundennähe mit der digitalen Welt zu verbinden. Ebenso setzen wir weiterhin auf unser dezentrales Geschäftsmodell sowie auf Stabilität und Qualität vor volumengetriebenem Wachstum. Kurzum: Raiffeisen bleibt die Bank, die sich durch ihre genossenschaftliche Struktur und den Nutzen für Kundinnen und Kunden sowie die Gemeinschaft vor Ort deutlich von anderen unterscheidet.